Walter Emil Müller

Walter Emil Müller absolviert eine kaufmännische Lehre und beginnt autodidaktisch zu malen, ohne je eine öffentliche Kunstschule zu besuchen. Während eines Studienaufenthaltes 1916-1918 in Genf mit Robert Schürch lernt er die Malerei Ferdinand Hodlers kennen.

1920/1921 folgt ein mehrmonatiger Aufenthalt in Madrid.

1922 ist Müller wieder in Zürich, um sich an der privaten Kunstschule von Willy (Wilhelm) Hummel weiterzubilden.

Von 1923 bis 1945 hält er sich alljährlich zu Studien in Paris auf. Nach seiner endgültigen Rückkehr nach Zürich bezieht er ein städtisches Atelier an der Brahmsstrasse 59 im Kreis 3.

Walter Müllers Weg als Maler setzt ein mit Landschaften im Stile Hodlers, dessen Œuvre er während seines Genfer Studienaufenthaltes kennen gelernt hat. In den zwanziger Jahren folgen Landschaften und Stilleben in der Tradition des französischen Impressionismus, aber auch von Cézanne und Utrillo.

Seit den späten dreissiger Jahren wendet er sich unter dem Ein- druck von Braque und Picasso vom direkten Naturstudium ab und verarbeitet Einflüsse des Kubismus. Die genaue Abbildung der Realität wird zurückgesetzt zugunsten des inneren Erlebens und suchenden Schauens.

Neben Stilleben und Landschaften bezieht Müller von 1938 an auch Figurenbilder in sein Schaffen ein und gelangt unter Verwendung abstrakter, das Bildgerüst verdeutlichender Elemente zu einer zur Karikatur neigenden gesellschaftskritischen Darstellung des Menschen. Gleichzeitig manifestiert sich in seinen Landschaften eine gewisse Illusionslosigkeit durch die Hinwendung zu trostlosen Themen, indem neben heiteren Pariser Stadtbildern und belebten Hafenbildern seit den vierziger Jahren zunehmend triste Vorstadt- und Industrielandschaften auftauchen, über denen ein düsterer Himmel dräut. Geleise, Kamine und Masten verbinden sich zu einem Netz von Linien, in die hingeworfene Farbflächen eingespannt sind. Was zuletzt bleibt, ist ein abstrakter Bildraum, in welchem Menschen, Tiere und Gegenstände nur noch die Formen und Farbflächen liefern. Es ist, als bediente sich der Künstler in seiner Ungeduld einer Kurz- schrift, die von allem dekorativen Beiwerk absieht und sich auf die notwendigsten Dinge beschränkt. Diese asketische Haltung, die Müllers ganzes Schaffen durchzieht, verleiht gerade den späten Werken ihren unfertigen, skizzenhaften Charakter, der sie so lebendig wirken lässt.

In der Pariser Kunstzeitung La Revue Moderne hat ein französischer Kunstkritiker 1950 die Eigenart von Müllers Malerei treffend zusammengefasst: «Walter Muller est, d’ailleurs, autant poète d’âme que peintre d’expression et il cherche moins à réaliser une œuvre qui plaise que celle qui “porte à penser” et cela dans un graphique qui décompose l’espace vital de ses sujets en des puzzles de lignes et de tons, francs ou lâches, moins d’un cubisme simple que d’un surréaliste de la géométrie, objectif pourtant.»

Zusammen mit Albert Pfister (1884-1978), Max Gubler (1898-1973), Karl Hosch (1900-1972), Max Hegetschweiler (1902-1995), Albert Rüegg (1902-1986), Bruno Meier (1905-1967), Varlin (Willy Guggenheim; 1900-1977), Henry Wabel (1889-1981) und anderen gehört Walter Müller zu einer Generation von Zürcher Malern, die bis auf Gubler und Varlin heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Was diese Maler auszeichnet, ist ihr mehr oder weniger stark ausgeprägtes sucherisches Kunstwollen in einer Zeit, in der zwei Weltkriege und ihre Folgen eine grundsätzliche Neuorientierung der bildenden Kunst bedingten. Ihre Malerei kümmert sich nicht um den schönen Schein der Dinge; sie verzichtet auf alles Dekorative zu Gunsten der Konzentration auf das Wesentliche und gewinnt dadurch ihre glanzlose, melancholische Wahrheit.

Christian Bührle, lic. phil. I